Hast du das Gefühl, deinen Partner immer wieder kontrollieren zu wollen? Erwischst du dich öfter dabei, wie du eifersüchtig wirst – vielleicht sogar ohne triftigen Grund? Dies ist der zweite Teil der dreiteiligen Artikelserie über Co-Abhängigkeit. Im ersten Teil wurde der Begriff „Co-Abhängigkeit“ ausführlich erklärt und sodass du nun weißt, wie es zu co-abhängigen Verhalten kommen kann und wer gefährdet ist, co-abhängig zu werden. Da die Theorie jedoch oft nicht reicht und nur die Fakten aufzählt, wirst du im folgenden Beitrag eine echte Lebensgeschichte zu lesen bekommen. Du wirst erfahren, warum Becca (Name geändert) heute als erwachsene Frau unter ihren co-abhängigen Verhaltensweisen leidet, obwohl sie ihre Kindheit behütet in einem stabilen Elternhaus verbrachte.

Becca lebte gemeinsam mit ihren Eltern und ihrer Schwester in einer kleinen Stadt. Sie wohnten in einem wunderschönen Einfamilienhaus mit großem Garten und Pool. Jedes Jahr im Juni wurden die Taschen gepackt und es ging mit der ganzen Familie an die Ostsee zum Campingurlaub. Die schönen Kindheitserinnerungen voller Freude, Abenteuer und Leichtigkeit zaubern ihr bis heute ein Lächeln ins Gesicht.

Co-Abhängigkeit trotz Bilderbuchkindheit

Becca trug jahrelang ein Gefühl mit sich herum, dass sie bis heute begleitet: „so wie ich bin, bin ich nicht gut genug“. Sie fühlte sich von ihren Eltern gegenüber ihrer Schwester benachteiligt. Genau erklären konnte sie es nicht, doch sie spürte es. Manchmal hatte sie den Eindruck, dass ihre Eltern mit ihrer „rebellischen“ Art überfordert waren. Becca war das komplette Gegenteil zu ihrer Schwester. Sie war ein Sturkopf, sie sagte immer was sie dachte und wenn es sein musste, geriet sie auch gern in einen Konflikt um ihrer Meinung treu zu bleiben. Ihre Schwester hingegen war ruhig, sensibel und im Allgemeinen so wie sich ihre Eltern eine perfekte Tochter vorstellten. Bei Entscheidungen fiel der Wille der jüngeren Schwester mehr ins Gewicht als Beccas. Beim Kochen des Mittagessens wurde Beccas Wunsch meist nur selten nachgekommen.  Brachten die Kinder gute Noten ins Haus, war der Stolz auf die jüngere Schwester ebenfalls größer. Becca spürte die unsichtbare Ablehnung der Eltern ihr gegenüber und fühlte sich zunehmend überflüssig und ungeliebt. Dies hatte zur Folge, dass das Band, welches sie und ihre Schwester zusammenhielt zu reißen drohte. Becca entwickelte eine Eifersucht gegenüber ihrer Schwester und sie war häufig traurig und wütend.

Ein Leben im goldenen Käfig

Es fehlte Becca zu Hause an nichts, ihre Eltern waren ihr immer ein gutes Vorbild, kümmerten sich stets darum, ihr ein gutes Leben zu bieten. Waren jedes Jahr gemeinsam im Urlaub und bereiteten Becca auf das Leben vor. „Sie waren stets um das Beste für mich bemüht“ erzählt Becca heute. Für Außenstehende klingt ihre Geschichte wie ein Leben im goldenen Käfig und während ich ihren Worten lauschte, spürte ich den Schmerz, der ihre Seele als Kind heimgesucht hat.

Becca wurde das Gefühl niemals richtig los, dass die Eltern ihre Schwester bevorzugten und sie fühlte sich von ihnen weniger geliebt. Sie spürte eine unsichtbare Mauer zwischen sich und ihrer Mutter, etwas was sich jedoch nur schwer erklären ließ. Becca fühlte sich als die Nummer 2. Egal wie viel Mühe sie sich in der Schule gab, egal wie fleißig sie im Haushalt half, egal wie gut ihr Zeugnis war – ihre Eltern sagten nicht ein einziges Mal zu ihr, wie stolz sie auf sie waren. Trotzdem hat Becca nie aufgegeben und versuchte mit ihrer kessen und rebellischen Art, die Aufmerksamkeit ihrer Eltern auf sich zu ziehen. Die Jahre vergingen und in Becca reifte der Gedanke, dass in ihrer Familie irgendetwas nicht stimmte und so begab sie sich auf die Suche nach Hinweisen. Sie wartete, bis ihre Eltern das Haus verließen, um in den Familienunterlagen irgendetwas zu finden, was ihr Antworten gab. Schließlich fand sie ihre Geburtsurkunde. Diese wurde erst ein Jahr nach ihrer Geburt ausgestellt. Was genau dies heißen sollte, ahnte sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Mit 18 Jahren stieß Becca auf alle Antworten, auf die sie ihr gesamtes bisheriges Leben gewartet hatte. Die Fäden, mit denen Becca und ihre Eltern verbundene waren, bestanden nicht aus Fleisch und Blut. Sie teilten nicht die gleiche DNA. Becca ist ein Adoptivkind. Sie stellte ihre Eltern zur Rede. Diese berichteten ihr, dass sie Becca über die Adoption aufklären wollten sobald der richtige Zeitpunkt da war: nachdem Becca ihre Ausbildung beendet hatte.

Das Streben nach Anerkennung und Bestätigung

Heute ist Becca eine erwachsene Frau, selbstständig in ihrem Beruf, verheiratet, hat 2 wunderschöne Kinder und ist unabhängig. Doch das ist nur die Fassade, die sie der Außenwelt zeigt. Auf ihre Mitmenschen wirkt sie selbstbewusst, stark, redegewandt und unglaublich hilfsbereit. Sie empfängt die Menschen mit offenen Armen und wer sie zum Freund hat, darf mit ihr durch dick und dünn gehen.

Doch unter der Oberfläche bluten die Wunden aus der Kindheit. Denn so positiv ihre Eigenschaften auch sein mögen, sie vergisst dabei eine ganz wichtige Person – sich selbst. Sie hat in ihrer Kindheit gelernt, dass sie mit Taten auf sich aufmerksam machen muss und sich beweisen muss, um neben ihrer Schwester nicht unterzugehen. Dieser Drang nach Anerkennung und Bestätigung begleitet sie bis heute. Die Bedürfnisse anderer Menschen stehen für sie unablässig im Vordergrund.

Sieht man Becca mit ihrem Ehemann zusammen, wirken die beiden harmonisch und wie ein eingespieltes Team. Höllenqualen erleidet sie jedoch, wenn sie weiß, dass ihr Mann ohne sie weggeht. Aufgrund ihres niedrigen Selbstwertgefühls, welches in der Kindheit nicht genügend gestärkt wurde, geht sie immer vom Schlimmsten aus. Ihr Mann könnte sie gegen eine „bessere“ Frau austauschen oder Dinge tun, die er ihr bewusst verheimlicht. Ihre Gedanken kreisen dann die ganze Zeit um ihren Mann und was er wohl gerade tut, wo er ist und mit wem er dort ist. Sie kann sich an solchen Tagen dann auf nichts konzentrieren und schadet sich mit ihren selbst verletzenden Gedanken. Der Fokus ist im Außen und nicht wie es gesund wäre, bei ihr.

Jealousy is the fear of comparison.

Max Frisch

Becca weiß heute woher einige ihrer Verhaltens- und Denkmuster kommen, lebt jedoch in gutem Gewissen, dass ihre Adoptiveltern immer das Beste für sie wollten. Sie ist dankbar, dass sie ihr ein unbeschwertes Leben geschenkt haben. Dennoch gibt es Punkte in ihrem Leben, welche sie gern aufarbeiten möchte, um ein für sich freies Leben führen zu können. Sie möchte vertrauen können und die Angst überwinden, dass sie für ihren Partner nicht gut genug ist. „Ich möchte endlich das Gefühl der bedingungslosen Liebe erleben und möchte die negativen Gedanken über Dinge, die evtl. Passieren könnten, ausschalten“, berichtet Becca.

Was du gegen Kontrollwahn und Eifersucht tun kannst

Du siehst, Co-Abhängigkeit ist vielfältig und betrifft nicht nur Menschen, die in einer Beziehung zu einem sucht– oder psychisch kranken Menschen stehen bzw. in einer dysfunktionalen Familie aufgewachsen sind.

Solltest du ähnliche Situationen wie Becca erlebt haben oder dich selbst in co-abhängigen Verhaltensweisen wiederspiegeln,  sei dir gewiss, dass das vollkommen okay ist. Co-Abhängigkeit kannst du durchbrechen. Du hast bereits den ersten Schritt hinter dich gebracht, denn du bist hier auf diesem Blog und beginnst, dir deine eigene Geschichte ehrlich anzuschauen.

Wenn dein Partner ohne dich weggeht und dich das Gefühl von Kontrollverlust und Eifersucht fast auffrisst, dann hilft dir vielleicht dieser erste Hilfe Tipp: Lösche alle Überwachungs-Apps von deinem Handy, schalte es anschließend aus, rufe dir eine schöne Situation ins Gedächtnis, die du mit deinem Partner erlebt hast, wie zum Beispiel der Heiratsantrag, ein schöner Tag am See oder ein Kompliment, das er dir mal machte. Diese positiven Erinnerungen suggerieren deinem Gehirn, dass du gerade glücklich bist. Natürlich ist damit nicht die Eifersucht geheilt, doch dieser erste Hilfe-Tipp kann der Anfang eines freien Lebens sein, wenn du das möchtest.

Alles beginnt damit, dass wir Entscheidung treffen: Die Verantwortung für unser Glück zu übernehmen und der Wille zur Veränderung.

Nun hast du die Geschichte von Becca kennengelernt und hast dich eventuell in einigen Punkten wieder erkennen können. Vielleicht hilft es dir um mit deiner eigenen Vergangenheit anders umzugehen. Co-Abhängigkeit ist der schwarze Schatten, der es schaffen kann, dich komplett in der Dunkelheit verschwinden zu lassen. Einzig und allein die  Entschlossenheit und der Mut sich zu einem freien Menschen zu entwickeln, können den Schatten ausblenden und leuchten dir den Weg in ein glückliches Leben.

Im 3. Teil der Artikelserie zum Thema Co-Abhängigkeit wirst du erfahren, wie sich die Schlingen der Co-Abhängigkeit um den Hals einer jungen Frau legt und ihr die Luft zum atmen nimmt. Sie hat für sich selbst einige Strategien entwickelt um mit ihrer ausweglos wirkenden Situation klar zu kommen. Mehr dazu erfährst du im abschließenden Teil. Warum du in einer co-abhängigen Beziehung statt in einer erfüllten Partnerschaft lebst erfährst du übrigens im ersten Teil der Artikelserie.

Blogbeitrag mit Liebe geschrieben von Susi <3

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